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Projekt THELIA: Thematische Lebenswegbegleitung im Alter und bei Demenz

Institution
Institut für Gerontologie,
Universität Heidelberg

Projektleitung
Prof. Dr. Andreas Kruse

Projektverantwortliche
Dr. Sonja Ehret

Gefördert durch
Hans-Ruland-Stiftung

Dauer
2005–2007

Projektbeschreibung

Hintergrund und theoretisch-methodische Basis

Im Forschungsprojekt THELIA wurde mit der Daseinsthematischen Begleitung ein theoretisch fundiertes Konzept zur Betreuung demenzkranker Menschen entworfen, das die Individualität und Sozialität der Person in das Zentrum stellt. Damit verbunden ist für die Betreuer eine Schulung zum (Daseins)Begleiter eines demenzkranken Menschen, dessen Aufgabe es ist, sich den Lebensthemen (Daseinsthemen) des anderen in spezifischer Weise zuzuwenden.

Das Konstrukt „Daseinsthema“ bildet die zentrale Dimension der von Hans Thomae entwickelten dynamisch-kognitiven Persönlichkeitstheorie (1996, 1968), das zugleich eine hohe biografische Kontinuität aufweist. Daseinsthemen sind verbunden mit Gerichtetheiten (Motivationen) sowie Reaktionen und Spontanaktionen (Daseinstechniken), die es dem Individuum ermöglichen, zu reifen bzw. mit Schwierigkeiten umzugehen, oder anders ausgedrückt, sein Leben erträglich und ertragreich machen. Daseinsthemen münden in die Leitidee eines Menschen. Die Leitidee ist eine Sollgestalt menschlichen Seins, die immer aufs Neue zu erringen versucht wird. Die Aktivierung dieser Leitidee stellt immer eine aktive Seinsform dar, in der Dasein klar und verstehbar gelebt wird. Auf der psychologischen Ebene kann man dann von einer autotelischen Daseinsbewegung sprechen (vgl. auch Stern, 1923).

Methodisch wurde zunächst der Versuch unternommen, die Person mit ihren daseinsthematischen Strukturen durch Sozialität im Sinne einer wahrhaftigen, offenen Kommunikation zu erfassen (Thomae, 1968).
Mit der Heidelberger Strukturlegetechnik (Groeben & Scheele, 1988), die in dieser Studie durch die Theorie der personalen Konstrukte (Kelly, 1955) ergänzt wurde, konnten diese subjektiven Theorien von Selbst und Welt, die sich in subjektiven Lebensräumen zeitlicher, räumlicher, sozialer und mentaler Erstreckung zeigen, expliziert werden. Aus ihnen gehen individuelle Interventionsarrangements hervor, die in der Begegnung mit demenzkranken Heimbewohnerinnen zu kommunikativen und aktionalen Erlebnissphären heranwachsen. Tatsächlich aktiviert, aktualisiert und entwickelt die Intervention die daseinsthematische Strukturierung des demenzkranken Individuums.

Ziele

Zum Ersten setzt sich diese Studie das Ziel, die Fülle an psychosozialen Interventionen bei Demenz durch ein nach wissenschaftlichem Standard ausgearbeitetes und evaluiertes Konzept zu bereichern. Deshalb nutzen wir eine streng theoretisch gewonnene Methodik zur Übersetzung der Nomothetik Thomaes in die Nomopragmatik der Daseinsthematischen Begleitung.
Zum Zweiten wurde im Projekt THELIA das Potenzial einer Solidarität innerhalb des Dritten und Vierten Lebensalters genutzt, in dem am bürgerschaftlichen Engagement interessierte Menschen fundiert mit dem Ziel geschult wurden, die Daseinsthematische Begleitung von Menschen im Pflegheim zu leisten. Dem Daseinsthematischen Begleiter wurde ein Interventionsplan zur Hand gegeben, in dem Themen oder Aktivitäten aufgeführt wurden, die bedeutsam für den Bewohner sind und aus denen Inhalte und Motive für Gespräche oder Aktivitäten entfaltet werden sollten. Regelmäßige Treffen fanden zweimal wöchentlich über einen Zeitraum von einem Monat statt.
Hypothesengeleitet wurde angenommen, dass Menschen mit Demenz nach der Intervention ein höheres Wohlbefinden aufweisen. Zudem wurde vermutet, dass die Begleiter in ihren humanistischen Kompetenzen gefördert werden und ihr Sinnerleben steigern.

Ergebnisse

Die Intervention wurde an 18 Pflegeheimbewohnern aller Demenzschweregrade erprobt. Jedem Bewohner wurde ein Daseinsthematischer Begleiter zugeordnet. Interventionseffekte wurden systematisch in einer kontrollierten, zweifaktoriellen Messwiederholungsstudie überprüft.
Das subjektive Wohlbefinden wurde mit den Variablen „Nicht-kognitive Symptomatik“ und „Depressive Symptomatik“ operationalisiert. Hierzu wurde das Befinden der Bewohner mit dem Neuropsychiatrischen Inventar (Cummings et al., 1994) und der Montgomery & Asberg Depression Rating Scale (Montgomery & Asberg, 1979) von Pflegepersonen fremdeingeschätzt.
Zur Absicherung der Ergebnisse wurden qualitative Analysen herangezogen, in denen personale Geschehensverläufe, die sich aus den Gesprächen und Interaktionen mit den Demenzbetroffenen ergaben, zu den quantitativen Ergebnissen in Bezug gesetzt wurden.

1. Effekte in der Gesamtgruppe
Der NPI-Gesamtscore konnte hochsignifikant reduziert werden. Auf Unterskalenniveau verringerte sich Angst statistisch bedeutsam. Zudem wurden depressive Lebensmüdigkeitsgedanken auffällig verringert. Die Effekte auf den Depressions-Score waren vielschichtig. Offensichtlich verringern leitideenahe Interventionselemente Depression. Gleichwohl sind die Ergebnisse zu replizieren und in künftigen Studien detailliert zu untersuchen.

2. Analysen und Effekte in den Subgruppen
Die vorliegende Studie fokussierte die Aufdeckung personaler Geschehensordnungen in Explorationsgesprächen mit den demenzkranken Heimbewohnerinnen zu mehreren Messzeitpunkten und berücksichtigte dabei die Interaktionen, die sich während der Daseinsthematischen Begleitung ergaben. In einer qualitativen Analyse konnten mit einem idiothetischen Verfahren Subgruppen ermittelt werden. Hier konnten fünf Verlaufsformen herausgearbeitet werden: Eine, in der ein verstärkter Belastungsausdruck die zentrale Rolle einnahm, eine größere Gruppe, in der es zu kognitiver Umstrukturierung und einem Suchen und Finden der Leitidee kam, eine dritte Verlaufsform, in der die Identitätsstabilisierung im Vordergrund stand, neben einer vierten, in der die schnelle Angliederung von Weltausschnitten auf eine Bereitschaft hinwies, neue Themen zu finden. Die letzte Gruppe zeichnete sich durch Themenstabilität aus.
Darüber hinaus zeigten die Subgruppenanalysen, dass durch die Intervention Apathie und abweichender Motorik entgegengewirkt wird, insbesondere dann, wenn die daseinsthematischen Aktivitäten mit der Leitidee des Individuums in Einklang stehen. Zudem konnte eine positive Auswirkung auf die Konzentration in der Subgruppe der kognitiv umstrukturierenden Demenzkranken nachgewiesen werden.

3. Effekte in der Ehrenamtlichen-Gruppe
Neben den bewohnerspezifischen Outcomes konnten auch Effekte bei den Freiwilligen dokumentiert werden. Insbesondere steigerten die Ehrenamtlichen ihr Sinnerleben, in dem mehr sinngebende Bereiche im Logo-Test (Lukas, 1986) nach der Intervention genannt wurden. In ihren Protokollen, die sie während der Daseinsthematischen Begleitung führten, kommt die Mannigfaltigkeit und Farbenprächtigkeit subjektiver Welten in einer in besonderer Weise begegnenden Form des Miteinanderseins zum Ausdruck. Die Aufzeichnungen geben teilweise sogar transzendente Mit-Seins-Situationen (Mit-Sein nach Heidegger, 1926) wieder.

Veröffentlichungen

Ehret, S., Kaspar, R. & Kruse, A. (in Druck). Daseinsthematische Begleitung zur Förderung der Individualität, Personalität und Sozialität von Menschen mit Demenz. In G. Adler & M. Bektas (Hrsg.). Seelische Gesundheit und Lebensqualität im Alter – Ressourcen, Kompetenzen, Behandlungsstrategien. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie (DGGPP). Stuttgart: Kohlhammer.

Ehret, S. (2008). Ich werde wieder lebendig. Personale Geschehensordnung und Daseinsthematische Begleitung bei Menschen mit Demenz. Dissertation. Universität Heidelberg.

Präsentationen

Ehret, S. (2007). Ich werde wieder lebendig wenn ich die Carmen höre – Daseinsthematische Begleitung einer Opernsängerin. Verfügbar unter: http://www.uni-heidelberg.de/presse/news07/2703gero.html

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