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Quelle:
Badische Neueste Nachrichten

Autor: 
Rainer Obert

Datum:
14. Januar 2023

Gruppentherapien gegen Post-Covid

SRH Klinikum veröffentlicht Handbuch, das Menschen mit Langzeitbeschwerden helfen soll

Förderprojekt

Behandlung von psychiatrischen und neurokognitiven Folgen einer Covid-19 Erkrankung

Gruppentherapien gegen Post-Covid

SRH Klinikum veröffentlicht Handbuch, das Menschen mit Langzeitbeschwerden helfen soll (Rainer Obert)

Erkenntnisse am PC: Tests, etwa der Merkfähigkeit, können Menschen, die an der Gruppentherapie teilnehmen, auch zuhause machen.Foto: Mischa Lange / SRH Klinikum
Erkenntnisse am PC: Tests, etwa der Merkfähigkeit, können Menschen, die an der Gruppentherapie teilnehmen, auch zuhause machen.Foto: Mischa Lange / SRH Klinikum

Karlsbad-Langensteinbach. Erschöpfung, Konzentrationsschwäche, Stimmungsschwankungen, Gedächtnisprobleme oder Schlafstörungen. Langzeitbeschwerden nach einer Corona-Erkrankung plagen Millionen Menschen in Deutschland – Stichwort Post-Covid. Das SRH Klinikum in Karlsbad-Langensteinbach hat hier Pionierarbeit geleistet und veröffentlicht am Dienstag ein Handbuch für eine entwickelte Gruppentherapie, war man doch früh Vorreiter mit einer im März 2021 eigens eingerichteten Ambulanz.

„Ich bin dem Alltag nicht mehr gewachsen.“ Das höre man nicht selten von Patienten, die sich melden, verdeutlicht Professor Matthias Weisbrod, Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie am SRH-Klinikum. Und er sagt: die Warteliste der Hilfesuchenden ist nach wie vor sehr lang. Mehr als 60 Menschen standen zuletzt darauf, die Monate warten müssen. Das in nun eineinhalb Jahren entwickelte Handbuch erläutert die Post-Covid Gruppentherapie mit der Zielgruppe Erwachsene, die noch mehr als drei Monate nach der Infektion unter kognitiven oder psychischen Problemen leiden.

„Eine Gruppe ist viel ökonomischer“, betont Weisbrod, da es auch darum geht, die Masse an Patienten in adäquater Zeit zu betreuen. Drei bis sechs Teilnehmer werden empfohlen. Hinzu kämen natürlich positive zwischenmenschliche Effekte in einer Gruppensituation. Die Diagnostik zu Beginn erfolgt am SRH Klinikum. Herz, Lunge – eigentlich könne jedes Organ betroffen sein, so Weisbrod. Es werde von einer gesteigerten Immunantwort des Körpers ausgegangen. Problem der Vergangenheit war und ist für viele Betroffene, dass sie beim Vorsprechen in Arztpraxen zuweilen in einer Sackgasse landeten. Reaktionen wie „Das habe ich noch nie gehört“ oder „Das ist immer so“ brächten nicht weiter. Jetzt könne man sagen: „Wir schauen es uns an.“

Die entwickelte Gruppentherapie, die online stattfinden kann, werde auch bereits am Uniklinikum Heidelberg und am Klinikum Konstanz angeboten. Mit der Veröffentlichung des Handbuchs werde der Weg frei, die Möglichkeiten in der Breite zu nutzen – etwa durch niedergelassene Ärzte oder Betriebsärzte. Acht aufeinander aufbauende Sitzungen á 100 Minuten sieht das Konzept vor. Im Handbuch wird der Ablauf detailliert beschrieben, auch Präsentationen sind beinhaltet. Handreichungen und Arbeitsblätter gibt es für die Patienten. Dazu gehören etwa Atem- und Gedächtnisübungen für den Alltag oder ein Fatigue- Tagebuch. Dass die Leute acht Gruppenstunden machen und dann geheilt sind, das Versprechen gibt es nicht, verdeutlicht Weisbrod. Aber: „Die Dankbarkeit ist sehr groß. Wir haben viele Rückmeldungen, dass die Therapie sinnvoll und hilfreich war.“ Bisher nahmen rund 40 Menschen teil. Ein Evaluationsprozess zur Bewertung der Gruppentherapie laufe, Ergebnisse sollen bis Mitte 2023 vorliegen. Und wie lange können Beschwerden anhalten? „In ein bis zwei Jahren wird man viel differenzierter sein“, so Weisbrod. Langzeitstudien gibt es logischerweise nicht. Doch gebe es einige Verlaufsuntersuchungen, „die optimistisch sind, dass Symptome Stück für Stück abnehmen“. Der Wunsch des SRH Klinikums, alle Teilnehmer ein halbes Jahr nach der Therapie anzurufen und zu befragen scheiterte an der Finanzierung. Insgesamt sei ein solches Projekt für ein Krankenhaus nicht lukrativ. Man sei froh und dankbar, dass die private Hans-Ruland-Stiftung für Rehabilitationsforschung in Bad Herrenalb „den Weg mitgegangen ist“ und rund 65.000 Euro bereitstellte. Öffentliche Förderung habe es nicht gegeben. Bis ins laufende Jahr sei Geld vorhanden. Dann müsse man schauen, ob ein finanziell tragbares System gefunden wird.